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Warten im Schein der Hoffnung

Meine Augen haben deinen Heiland gesehen,

das Heil, das du bereitet hast vor allen Völkern.

Lukas 2,30-31

 

Liebe Gemeindeglieder,

liebe Leserinnen und Leser,

 

in diesem Jahr brauchen wir nicht so lange zu warten, bis es Weihnachten ist. Der 1. Advent fällt erst auf den 3. Dezember, und das führt dazu, dass wir den 4. Advent am 24.12. mit Heilig Abend zusammen feiern! Die Adventszeit ist in diesem Jahr somit die kürzeste aller Adventszeiten. Das kommt nur alle Jubeljahre vor: 2000, 2006, 2017, 2023, 2034 und 2045 …

 

Es gibt ja, glaube ich, kaum jemanden, der gerne wartet – an der Supermarktkasse, auf den Bus, am Bahngleis, im Wartezimmer einer Arztpraxis, auf die Diagnose oder auf’s Grün an einer Ampel. 

 

Um das Warten erträglich zu machen, gibt es vielerlei Konzepte. Eines ist, dass man einen Countdown laufen lässt. An Fußgängerampeln sieht man so einen immer öfter: Sekunden, die rückwärts laufen. In Polen, wo ich Anfang Oktober zur Schneekoppe unterwegs war, an allen großen Kreuzungen auch für die Autofahrer. Das bringt für den inneren Geduldsfaden eine Menge Entspannung mit sich. Der Zeitpunkt, wann es losgeht, wird greifbar. Es bleibt nicht bei einer vagen Ahnung. Das Warten wird leichter.

 

Friedrich Bodelschwingh brachte einst ein ganz anderes Warte-Konzept ins Spiel, als er einmal davon sprach, dass das Warten ein „freudenvolles Ding“ sei, dann nämlich, „wenn über ihm der Schein der Hoffnung liegt.“ So auch in der Adventszeit. Sie wird einerseits begleitet von einem Countdown, den vier Kerzen am Adventskranz. Und in diesem Jahr ist mit der vierten Kerze das Ziel schon erreicht. Andererseits liegt über dieser Zeit der Glanz der Weihnachtsfreude, der Freude

über die Geburt des Gottessohnes, der Freude darüber, dass der allmächtige und ewige und manchmal weit entfernt scheinende Gott, uns in Jesus Christus so nahe kommt.

 

Dafür lohnt es sich zu warten, um es im Glauben wieder zu spüren – wie es der greise Simeon einst gespürt hat, als er Jesus kurz nach seiner Geburt im Tempel in den Händen halten durfte und lobpreisend in die Menge rief: „Meine Augen haben deinen Heiland gesehen, das Heil, das du bereitet hast vor allen Völkern.“

 

In der Zeit des Wartens aber haben wir so manches auszuhalten, ob mit oder ohne Countdown: Die dunklen Seiten des Lebens, Sackgassen, Stillstand, unerfüllte Sehnsucht und nicht zuletzt der sorgenvolle Blick in unsere so bedrohte weite Welt hinein. Innerlich anzunehmen ist das alles viel leichter und tiefgründiger von Weihnachten her und auf Weihnachten hin. Denn mit diesem „Schein der Hoffnung“ kommen Warten und Freude zusammen!

 

In erwartungsvoller Vorfreude grüße ich Sie und Euch ganz herzlich

Ihr/Euer Pastor Michael Otto