„Geh aus, mein Herz und suche Freud in dieser lieben Sommerzeit“
Paul Gerhardt (ELKG² 740)
Liebe Gemeindeglieder, liebe Leserinnen und Leser,
wo kann man dieses Lied besser singen als mitten in der freien Natur? Da, wo es Paul Gerhardt im Jahre 1653 wohl selbst gedichtet hat, in Mittenwalde, südlich von Berlin, im heutigen Landkreis Dahme-Spreewald! Also mittendrin im Wald, der dort aufs lieblichste durchsetzt ist von Bauernhöfen mit Feldern, Wiesen und Gärten.
Mit etwa 15 Gemeindegliedern haben wir das Lied vor kurzem auch mitten in der Natur gesungen, beim Alternativen Gottesdienst auf der Bislicher Insel am Niederrhein, unterlegt von allerlei lieblichem Vogelgesang, vor allem aber von der Stille, die uns Großstädtern einfach gutgetan hat.
Paul Gerhardt ist und bleibt ein Phänomen: Noch 350 Jahre nach seinem Tod am 27. Mai 1676 spenden seine Liedtexte vielen Menschen unbändige, österliche Freude („Auf, auf mein Herz mit Freuden“; ELKG² 453,1), tiefe Hoffnung auf dunklen Wegstrecken („Hoff, o du arme Seele, hoff und sei unverzagt“; ELKG² 544,6) und Kraft im Anblick der Schöpferhand Gottes („Hier sind die starken Kräft, die unerschöpfte Macht“; ELKG² 583,4). 39 Lieder von ihm haben in unser neues Gesangbuch Eingang gefunden. Im Evangelischen Gesangbuch sind es 26, im katholischen Gotteslob immerhin fünf.
Obwohl, oder vielleicht sogar weil Paul Gerhardt viel Leid durchmachen musste, berühren seine Texte so tief unser Herz. Sehr früh hat er seine Eltern verloren, zudem sind ihm vier seiner eigenen Kinder gestorben, danach seine Frau. Die Pest und der 30-jährige Krieg (1618-1648) ließ die Bevölkerung im damaligen Brandenburg um die Hälfte schrumpfen. Not und Sorgen auf der einen Seite, Lebenshunger auf der anderen, der sich trotz allem an Gottes wunderbarer Schöpfung nicht satt sehen kann: „Narzissus und die Tulipan, die ziehen sich viel schöner an als Salomonis Seide“ (ELKG² 740,2).
Es hat wohl mit dem tiefen Glauben von Paul Gerhardt an Jesus Christus, der für diese Welt sein Leben hingegeben hat, zu tun und mit seinem dichterischen Charme, dass seine Dichtungen neben Grimms Märchen und Luthers Bibelübersetzung zu den bekanntesten deutschen Texten gehören. Und: Weil sie sich aus seiner Biografie erschließen lassen und damit an unser Erleben andocken, nicht belehrend, sondern erbauend, nicht vertröstend, sondern entlastend.
So lässt es sich in allem, was unser Leben ausmacht, und auch trotz allem, fröhlich in den Sommer gehen. Mit einem Paul-Gerhardt-Lied auf den Lippen und im Herzen grüße ich Sie und Euch ganz herzlich
Ihr/Euer Pastor Michael Otto
